Kathedrale der Baulust

Ausstellung, Workshop und Publikation mit Torsten Blume, BAUHAUS DESSAU

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Eine Kathedrale der Baulust für die Containercity Stuttgart -
Ein Zeichen des Glaubens an das mögliche Glück gemeinsamen Gestaltens
Ein Umschichten-Workshop in Kooperation mit dem Kunstverein Wagenhalle e.V. Stuttgart / 10. bis zum 14. Juli 2017

 

Kathedrale der Baulust – der Workshop

Die Kathedrale der Baulust, ist ein kleines Musterhaus für die Umschichten-Methode. An nur  drei Tagen (vom 11. bis zum  13. Juni 2017 ) wurde sie in einem Workshop als Beispiel eines spielerisch-entdeckenden und probierend-forschenden Gestaltens aufgebaut.

Es galten „Umschichten“-Prinzipien wie: Gebaut wird mit allem was da ist und wie alle, die Mitmachen, es auch wirklich wollen. Aber es darf nur so gebaut werden, dass alle Materialien jederzeit und unbeschädigt dahin zurückgeführt werden können, wo sie gefunden oder ausgeborgt worden sind. Nichts darf fertig, oder endgültig festgestellt werden. Denn schließlich war auch, als das Bauhaus 1919 sehr begeistert angefangen hatte, um alle Künste und tendenziell jedwede Art produzierenden Tuns zu einem neuartigen Bauen zu verbinden, den Anstiftern und Beteiligten nicht wirklich klar, was für eine Architektur schließlich dabei herauskommen könnte oder sollte. Das entwerfende Bauen sollte ein belebendes, beglückendes und eröffnendes sein.

Am Anfang  standen die Sichtung der  am Studio Umschichten  gelagerten Materialien sowie Rundgänge durch die Container City auf der Suche nach weiteren möglichen Bauelementen die ggf. für das Projekt ausgeliehen werden können. Dann wurden verschiedenste Materialien als Bauteile ausprobiert und praktisch geprüft, wie sich diese raumbildend zusammenfügen lassen. Nach verschiedenen Testaufbauten wurde in der Gruppe besprochen, welche  Materialien, bzw. Materialkombinationen besonders geeignet sind, um als tektonische Basiselemente  zu fungieren, die strukturbildend eingesetzt werden können.

Gitter für Gitter wuchs so ein schließlich etwa vier Meter hoher Würfel-Raster-Turm, der dann als Grundgerüst für  weitere strukturelle Tektoniken aus Stahlstangen, Schnüren, Schläuchen verwendet wurde. Jetzt begegnen sich in der „Baupflanze“ quadratische Raster, kreisrunde und gerundete Linien sowie ein mehrfach gebrochenes Bündel gerader Linien. Weitere Ergänzungen, Durch- und Umstrukturierungen sind jederzeit möglich; auch weiteres Wachstum ebenso Rückbau und das Zurückführen aller Materialien dorthin von wo sie ausgeborgt wurden.

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Fotos: David Gräter

 

Kathedrale der Baulust – Ausstellung Baukristalle und Stadtkronen. Architekturvisionen nach dem Ersten Weltkrieg von Bruno Taut

Schon vor fasst 100 Jahren, als in Weimar das Bauhaus gegründet worden ist, galt die Kathedrale als eine ideale Aufgabe und Vorlage, um sich phantastisch-probierend ganz allmählich einem „Bau der Zukunft“ zu widmen und dabei eine neue Freude am kollektiven Bauen und Gestalten zu finden. Wichtige Inspiratoren waren damals vor allem der Architekturphantast Paul Scheerbart (1863-1915) und der Erfinder der „Stadtkrone“ Bruno Taut (1880-1938). Er schrieb 1920: „Architektur … ist nichts anderes als die Kristallisation des Gemeinschaftsgefühls. … Unsere Idee ist die Materie… Das `Formproblem` hat nie bestanden.“ Gerne zitierte er auch seinen Freund Scheerbart: „Im Stil ist das Spiel das Ziel. – Im Spiel ist das Ziel der Stiel. – Am Ziel ist der Stil das Spiel“.

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Fotos: Kunstverein Wagenhalle e.V.

 

Kathedrale der Baulust – Buchpublikation A, (B), C = A

Architektur wird oft assoziiert mit Ordnung, Stabilität, Kontrolle, Sicherheit, Strenge, Gewissheit und Schutz. Architekten gelten zumeist als Experten der Feststellung und Festlegung, denn von Gebäuden wird in der Regel erwartet, dass sie lange halten. Auch Glashäuser der Moderne suggerieren mit Lichtdurchlässigkeit vielleicht fließende Räume, oder die Durchdringung von Innen und Außen. Fest, stabil und begrenzend sind sie dennoch.

Aber, die auf lange Dauer angelegten Bauten, die einen stabilen Zusammenhalt von Gemeinschaft und Gesellschaft repräsentieren sollten, wirken heute oft genug fragwürdig. Einst haben diese die besondere Bedeutung der Architektur inmitten der anderen Künste ausgemacht und sie zeitweise als deren „Mutter“ erschienen lassen.

In unvorhersehbarer werdenden Entwicklungen der westlichen spätkapitalistischen Welt erscheinen sie kaum mehr als Repräsentationen einer planmäßig aufgebauten Zukunft. Aber wie lässt sich heute ohne Telos, ohne die Vorhersehbarkeit eines zukünftigen Endzustandes sinnvoll bauen?

Ist eine Architektur denkbar, sich mit sich selbst als ein bauendes Spekulieren über die Welt auseinandersetzt und dabei auch ihre Autorität in Frage und zur Debatte stellt? Wie könnte Architektur maximal ressourcenschonend und minimal festlegend werden? Wie kann sie kritisch mit sich selbst experimentieren?

Mit den in der Publikation vorgestellten „Umschichten“-Projekten diskutieren die Essays von Torsten Blume, begleitet von ausgewählten historischen Texten die darin auszumachenden Perspektiven und Prinzipien eines Gestaltens, das sich als formendes Bewegen ständig neu erfinden muss.

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→ video www.vimeo.com

 

Team: Torsten Blume, Philipp Bauer, Stephan Murer, Manon Deck-Sablon, Ng Tsz Wai Brien, Tabea Mayenberger, Simon Stiegler
Stuttgart 2017